Ein Tierschutzhund ist eine Wundertüte. Man weiß nie, was einen erwartet.

Ein ehrlicher Rückblick auf ein Jahr mit unserer Tierschutzhündin Milli

Wahnsinn, heute vor einem Jahr habe ich die Nacht kaum geschlafen. Immer wieder habe ich auf mein Handy in die WhatsApp Nachrichten geschaut, wo unsere unser neues Familienmitglied gerade unterwegs ist. Tausend Fragen spuckten durch meinen Kopf. Kommt sie pünktlich am Treffpunkt an? Geht es ihr gut? Wie werden wir die lange Autofahrt überstehen? Wie wird das Ankommen hier? Und überhaupt, wir wird es werden mit einem Hund, den wir nie vorher richtig gesehen haben.

Fast drei Jahre war es nun her, dass unser geliebter Familienhund Barney nach über 16 Jahren in den Hundehimmel gegangen ist. Lange hat es gebraucht, bis wir wieder bereit waren. Manche in der Familie brauchten mehr Zeit, das Herz wieder zu öffnen für eine neue Fellnase. Wir haben zwar unser Kater Pünktchen, aber eine Katze ist noch lange kein Hund. Ich gebe zu ich habe alle ein wenig überrumpelt mit meiner Idee:

Wir nehmen einen Hund aus dem Tierschutz auf.

Der Tierschutzorganisation Hearts4paws folge ich schon länger und habe immer wieder ihre Arbeit mit Spenden unterstützt. Und natürlich habe ich auch immer mal wieder auf der Seite geschaut, welche Hunde gerade ein neues zuhause suchen. Aber ehrlich gesagt fehlte mir lange der Mut.

Am 1. Februar letzten Jahres habe ich am Frühstückstisch meinem Mann die neuen Welpen auf der Seite von Hearts4paws gezeigt und er meinte, nur mit einem Auge auf das Display schielend, na der braune da ist doch ganz hübsch. Das war das erste mal, dass nicht gleich ein Veto kam, wenn ich von einer neuen Fellnase gesprochen habe.

Nach Selbstauskunft, Vorkontrolle und vielen tollen Gesprächen mit der Organisation machte Milli sich am 8. März mit einem Transport aus dem entfernten Bukarest auf den Weg zu uns. Am 10. März ganz früh am morgen, nahm ich sie in Leipzig in Empfang. Zuhause warteten schon die Kinder ganz aufgeregt auf das neue Familienmitglied.

Die ersten Tage haben wir wie erwartet damit verbracht uns kennen zu lernen. Milli musste lernen, dass man raus geht zum Geschäft machen und nachts geschlafen wird. Dafür gibt es tagsüber reichlich Action. Ich glaube ich muss keinem sagen, dass ein junger Hund manche Nerven kosten kann. Da spielt es keine Rolle, woher er kommt.

Milli ist ein Angsthase. Sie war es vom ersten Tag an. Nur wir haben es nicht ganz ernst genommen, dachten das wird schon. In Wahrheit waren viele Situationen einen riesige Herausforderung für sie. Vor allem Besuch machte ihr Angst, zu schnelle Bewegungen, laute Geräusche, alles Ungewohnte.

Ein Tierschutzhund ist eine Wundertüte. Man weiß nie, was einen erwartet.

Im Mai waren wir zur Feier meines Neffen eingeladen. Es war von Anfang an klar, dass wir Milli nicht mitnehmen können, genauso dass wir sie nicht so lange allein lassen hätten können. Also fragten wir hundeerfahrende Freunde, die sie schon sehr gut kannte, ob sie den Tag mit ihr verbringen würden. Am Ende des Tages war Milli in der Großstadt verschwunden – weggelaufen, durch ein Loch geschlüpft, auf der Suche nach uns. So ängstlich sie war, so mutig war sie einfach davon zu laufen. Wir haben die Nacht und den darauf folgenden Tag gesucht und haben sie mit viel Glück auch gefunden.

Seit diesem Tag ist sie nicht mehr von meiner Seite gewichen. Sie klebt an mir, beschreibt es besser. Es war also klar, Milli kommt mit in den Urlaub. Dänemark war das Paradies für sie. Strand, Meer, alle Menschen, die sie liebt und unendlich viel Zeit miteinander. Sie war unheimlich gelehrig. Sitz, Platz, Komm, Bleib. Sie konnte alles ganz schnell. Wenn mich zu der Zeit jemand gefragt hat, wie es so läuft mit einem Tierschutzhund, lautete die Antwort immer: PERFEKT. ALLES IST PERFEKT.

Milli ist mein Seelenheil. Habe ich Anfang des Jahres noch in einer großen Sinnkrise gesteckt, hat sie mich aus dem Loch heraus geholt. Trotzdem kreisten im November alle Gedanken darum, sie weg zu geben.

Angefangen hat alles viel früher und wie immer kann der Hund am wenigstem dafür. Schon sehr bald nach ihrer Ankunft hier bei uns, ist der Schäferhund von unserem Nachbarn regelmäßig über den Zaun gesprungen, um zu Milli zu gelangen. Irgendwann hat sie sich allein nicht mehr in den Garten getraut. Der kleine Hund hatte Angst vor dem großen wuschligen Tier. Als wir im September mal wieder unsere Wiesenrunde gedreht haben, stand plötzlich ein großer Rottweiler vor uns. Unangeleint, ohne Mensch in der Nähe. Mein Fehler war, aus Unsicherheit, meinen Hund abzuleinen. Genau in Zeit, wo ihre Pubertät mitten in den Startlöchern stand. Seit dem bellt sie jeden Hund an. Eigentlich bellt sie alles an, alles was ihr Angst macht. Auch Menschen, auch die Nachbarskinder, die früher gern und häufig zu Besuch waren. Sie bellt auch den Sohn an, wenn er mit der Tochter rum kabbelt. Sie bellt und knurrt. Sie ist unsicher. Und sie passt auf, dass sich keiner anderer mir nähert.

Zum Kindergeburtstag musste Milli das Haus verlassen, damit sie keinem etwas tut. Wenn die Kinder Besuch bekommen ist mein Puls bei 180 und vor Weihnachten und dem Familienfest hatte ich einfach nur Angst. Das erste mal im Leben. Alles war nur Stress. Das Haus, was immer offen für Freunde stand, ist geschlossen, damit der Hund niemanden etwas tut. Und dann kam der Punkt. ICH KANN NICHT MEHR. So will ich das nicht. So habe ich mir das nicht vorgestellt.

„Hi, ich bin Tina, Verhaltenstherapeutin und Coach für Menschen mit Hunden“

Unsere Rettung war lustigerweise eine Workshop von dem ich auf Instagram gelesen hatte. Da stand „Hi, ich bin Tina, Verhaltenstherapeutin und Coach für Menschen mit Hunden„. Ja genau Verhaltenstherapeutin. Darum ging es – ich muss verstehen warum es uns so geht – Milli und mir. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie lang der Workshop war. Jeden Tag gab es Aufgaben. Wobei für uns die, wo ich Milli in bestimmten Situationen beobachten musste, die wichtigsten waren. Warum reagiert sie so? Warum bellt sie jetzt? Warum springt sie jetzt in die Leine? Warum schaut sie mich an? Tagelang habe ich Milli nur beobachtet, bis ich verstanden habe – Ich entscheide. Ich gebe Sicherheit. Und ich kläre die Situationen, in den ich sie vorher ganz allein habe agieren lassen.

Jetzt ein Jahr nach Millis Ankunft liebe ich sie mehr als je zuvor. Weil wir zusammen gewachsen sind. Weil ich lerne sie zu verstehen. Weil wir gelernt haben, uns zu vertrauen. Es liegt nicht daran, woher ein Hund kommt. Es liegt daran, wer und wie man ihn leitet.

Wenn mich einer fragt, was die wichtigste Erkenntnis des letzten Jahre ist, muss ich sagen, es reicht nicht, wenn ein Hund Kommandos wie Sitz oder Platz beherrscht. Das ist nicht wichtig.

Wichtig ist, dass Hund und Mensch sich vertrauen und verstehen und, dass der Mensch den Weg vorgibt.

Ich würde jederzeit wieder einen Tierschutzhund aufnehmen und trotzdem würde ich alles anders machen. Wenn man denkt, dass die richtige Leine wichtig ist, oder das schöne Hundebett, liegt man falsch. Ganz ehrlich, auch ob das Futter aus der Dose kommt oder roh ist, ist nicht so wichtig. Das sind alles Dinge, die wir Menschen für einen Hund entscheiden. Dem Hund ist das egal. Wichtig ist, dass wir uns gleich Hilfe holen, dass wir nicht im Trüben fischen, wenn mal was nicht richtig läuft, dass wir den Hund verstehen, dass wir Führung übernehmen. Jedes Tier ist anders. Jedes Tier ist toll so wie es ist. Wir müssen offen sein, für das was kommt.

Milli ist unsere Wundertüte. Knallbunt. Verrückt. Anhänglich. Unsere Trulla, deren Kopf manchmal Purzelbäume schlägt. Sie ist toll so wie sie ist.

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